Was tut sich bei den Tigers?

Mittwoch, 17. Mai 2017

Jason Dunham gewährt im Interview einen exklusiven Einblick.

Der Sportliche Leiter Jason Dunham im Interview -

Der DEL-Halbfinalteilnehmer von 2012 hat derzeit vier Torhüter, acht Verteidiger und neun Angreifer unter Vertrag. Im vergangenen Monat wurde mit Bill Stewart und Rob Leask das Trainerteam für die neue Saison präsentiert.

Seitdem steht das Dreigestirn in regem Austausch und stellt die Weichen für 2017/2018. Im Interview gewährt der Sportliche Leiter Jason Dunham einen exklusiven Einblick, was sich aktuell hinter den Kulissen bewegt.

Jason, wie sieht Dein Tagesablauf momentan aus?
„In der Regel bin ich von Montag bis Mittwoch in Straubing. Wir planen aktuell die komplette Saison 2017/2018. Kümmern uns um Trainingslager, Trainingspläne, Unterkünfte und vieles mehr. Mit der Stadt stehen wir ebenfalls in regem Austausch und legen die Rahmenbedingungen fest. Sämtliche Termine in Sachen Liga, Spieler und andere Organisationen versuche ich zusammenhängend auf Donnerstag und Freitag zu legen. Die Wochenenden verbringe ich mit meiner Familie in Amberg.“

Wie darf man sich die Beziehung zu den anderen Organisationen der Liga vorstellen?
Es wird ein kameradschaftlicher Umgang gepflegt. Schließlich sitzen alle im selben Boot. Wir sind immer daran interessiert, mit anderen Standorten zusammenzuarbeiten, d. h. Win-Win-Situationen zu schaffen. In der Saison 2015/2016 ist uns dies beispielsweise mit Mannheim sehr gut gelungen, als Mirko Höfflin bei uns war. Diese Konstellation hat für Mirko, die Adler und uns sehr gut gepasst.“

Wie viele Kader-Positionen sollen noch besetzt werden?
„Drei bis Vier.“

Welche Varianten sind hinsichtlich der Vergabe von Ausländer-Lizenzen möglich?
„Da wir auf ein deutsches Torhüter-Duo, ergänzt von Daniel Filimonow sowie Cody Brenner setzen, läuft es entweder auf eine 3/6- oder 2/7-Variante hinaus. Damit ist das Verhältnis von Importspielern in der Abwehr und im Angriff gemeint. Also entweder 3 Verteidiger und sechs Stürmer oder 2 Verteidiger und 7 Imports im Sturm.“

Welche Erkenntnisse hast Du aus Deiner alljährlichen Nordamerika-Scouting-Tour mitgenommen?
„Hier bin ich noch am Auswerten. Eine derartige Tour mache ich nun schon seit sieben Jahren und das Ganze ist als steter Prozess zu betrachten. Wie entwickeln sich Spieler weiter, wie verdauen sie Rückschläge (z. B. Verletzungen) usw. Man sollte immer bestens im Bilde sein, um im richtigen Moment zugreifen zu können. Glück gehört natürlich dazu, aber vordergründig sind transparente Infos und gute Kontakte das A und O.“

Stehen die Imports in den Überlegungen von Bill Stewart, Rob Leask und Dir derzeit im Vordergrund?
„Nein, das komplette Konzept ist wichtig. Wir müssen den besten Spieler für jede Position finden, unabhängig davon, ob es sich um einen Import oder Deutschen handelt. Es sind aktuell zwei bis drei deutsche Spieler auf dem Markt, die ich gerne in unserer Organisation haben würde.  Die Frage ist, wie schätzen sie sich selbst ein, können wir sie uns leisten und wollen sie die zugedachte Rolle ausfüllen.“

Was bedeutet der derzeit starke US-Dollar, in Hinblick auf Spielerverpflichtungen, für europäische Klubs?
„Grundsätzlich ist es immer wichtig, über die Wechselkurse bestens informiert zu sein, da die Mehrheit unserer Imports aus Nordamerika stammt. Aktuell ist der Kurs des US-Dollars ungünstiger, der des kanadischen Dollars hingegen umso attraktiver. Dabei ist das Ganze aus Spielersicht zu betrachten: Für einen Euro erhält man derzeit 1,51 kanadische Dollar, während ein US-Amerikaner nur 1,11 US-Dollar bekommt. Wenn er wechselt, d. h. das Geld in die Heimat überweist. Die Motivation für einen Kanadier ist also deutlich höher, in Euro-Ländern zu spielen, als für einen Spieler von US-Amerikanischer Abstammung, da dieser aktuell knapp 30 Prozent mehr Profit macht. “

Welchen Einfluss hat die Weltmeisterschaft auf die kurzfristigen Transfergeschicke der Straubing Tigers?
„Es ist immer sehr interessant, bei internationalen Turnieren vor Ort zu sein. Die Teams setzen sich aus Spielern zusammen, die unterjährig für verschiedene Mannschaften aufs Eis gehen. Für sein Heimatland zu spielen, ist etwas sehr Spezielles, da wird noch eine Extraportion Energie freigesetzt. Spieler in solchen Situationen zu sehen, gibt uns natürlich neue Erkenntnisse und beeinflusst somit auch unsere Transferüberlegungen.“

Du warst kürzlich mit Geschäftsführerin Gaby Sennebogen in Köln. Beschreibe uns Deine Eindrücke.
„Die Stimmung bei einer WM ist immer großartig. Die Fans sind fantastisch und erwähnenswert sind auch die vielen Events, die nahezu rund um die Uhr stattfinden. Da ist für jeden etwas dabei. Sehr aufschlussreich sind für mich die Gespräche mit Managern, Trainern, Spielern usw. aus den verschiedensten Ländern. Und natürlich das Spiel selbst, das wir alle lieben.“

Gibt es Beispiele aus der Vergangenheit?
„Ja, Laurent Meunier, Sacha Treille und andere, die ich noch zu uns holen möchte. Die französische Nationalmannschaft beispielsweise beobachte ich schon seit geraumer Zeit sehr intensiv.“

In Köln habt ihr auch an einer Ligentagung teilgenommen. Welche Inhalte standen hier auf der Tagesordnung?
„Es war ein sehr umfangreiches Programm. Einen wesentlichen Teil hat die Nachwuchsförderung eingenommen. Hier ist der Erfahrungsaustausch von großer Bedeutung. Es sollen ja nicht nur theoretische Lösungen erarbeitet und umgesetzt, sondern nachhaltige Konzepte festgezurrt werden, die zuletzt auch dem Spieler zu Gute kommen.“

Worauf spielst Du konkret an?
„Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Region viele gute Eishockeyspieler hervorbringt. Ob dies nun Marcel Brandt, Manuel Wiederer oder Stefan Loibl waren bzw. sind. Im Teeniealter müssen die Jungs nicht zwangsläufig in die Ferne schweifen, um eine gute Entwicklung zu nehmen. Daheim sein zu können, ist auch viel wert.“

Welche Philosophie verfolgst Du hier?
„Jungen Burschen aus der Region soll die Möglichkeit gegeben werden, in unmittelbarer Nähe zum Heimatort eine DEL-Perspektive zu haben. Dann können sie in den meisten Fällen daheim wohnen bleiben und sind fest in ihrem sozialen Umfeld verankert. Für einen 16-jährigen sind zwar Profibedingungen schön und gut, aber wenn hunderte Kilometer vom Elternhaus entfernt die gewisse Nestwärme fehlt, kann dies zu Problemen führen und in schlimmsten Fällen ganze Karrieren verhindern. Zudem stärken wir mit der genannten Herangehensweise die Vereine in der Region. Auch das ist wichtig."

Wie darf man sich eine klassische Spieler-Verhandlung vorstellen? Läuft hier alles ausschließlich über Agenten bzw. Agenturen?
„Der Großteil läuft tatsächlich über Agenten und Agenturen. Die meisten ausländischen Agenten benötigen, u. a. wegen der Lizensierung, einen Agenten im jeweiligen Land. Für den Spieler ist das auch von Vorteil, denn so verfügt dieser über einen Ansprechpartner, welcher die Gegebenheiten vor Ort kennt und jederzeit mit Rat und Tat zur Seite steht. Nur ganz wenige einheimische Akteure verzichten auf einen Agenten und regeln alles selbst.“

Welcher DEL-Klub hat, Stand heute, aus Deiner Sicht die Top-Verpflichtung schlechthin getätigt?
„Das ist der falsche Zeitpunkt, um eine derartige Frage zu beantworten. Es sind schon häufig Spieler mit den besten Referenzen im Vorfeld gefeiert worden und haben dann bitter enttäuscht. Ein erstes Zwischenfazit ist wohl zur Olympiapause (Februar bis März 2018) möglich.“

Du sprichst die lange Olympiapause an, wie werden die Tigers diese spielfreie Zeit überbrücken?
„Die DEL-Teams und die Liga arbeiten an einer gemeinsamen Lösung für diese spielfreie Zeit.“

Aus Sicht eines Tigers-Fans besteht aktuell, betreffend weiterer Spielerverpflichtungen, kein Grund zur Beunruhigung, weil…
„…die Vergangenheit uns gelehrt hat, dass wir uns in Geduld üben müssen. Das weiß unser fachkundiges Publikum. Schnellschüsse machen keinen Sinn.“

Du bist nun bereits 13 Jahre bei den Tigers. Wie lauten Deine Top 3 Highlights im Gäuboden?
„Die Zweitligameisterschaft 2006 und der damit verbundene Aufstieg, das Halbfinale 2012 und die Tatsache, dass wir gegen Regensburg noch keine Playoff-Serie verloren haben (lacht). Die Erinnerungen an die guten alten Zeiten sind eine schöne Sache.“

Wenn Du rückwirkend etwas anders machen könntest…
„Dass man aus Fehlern lernt, ist unbestritten, aber trotzdem geht der Blick doch nach vorne. In der Vergangenheit zu leben, bringt uns nicht weiter.“

Du hast mal erwähnt, dass die Tigers an sich tagtäglich als Highlight wahrgenommen werden sollten…
„Auf jeden Fall. In Straubing wird seit Jahren an einer tollen Erfolgsgeschichte geschrieben, die einmalig im deutschen Eishockey ist. Wer hätte gedacht, als vor 15 Jahren noch gegen Dorfen, Bad Reichenhall oder Kempten um Tore und Punkte gekämpft wurde, dass im Gäuboden so etwas entstehen kann. Einen Anteil daran haben zahlreiche Unterstützter und Leute mit großartigen Ideen. Ihnen kann man gar nicht genug danken. Besonders hervorzuheben ist ein kleiner Personenkreis und ihre Familien. Sie sind das Herzstück der Tigers.“

Im deutschen Eishockey gibt es viele „Baustellen“. Welche ist aus Deiner Sicht schnellstmöglich anzupacken und zu bereinigen?
„Viele Aspekte lassen mich zu dem Schluss kommen, dass das deutsche Eishockey einer guten Zukunft entgegenblickt. Einige Gespräche mit anderen Klub- oder Verbandsvertretern, im Rahmen der WM, haben zudem gezeigt, dass andere Länder mit identischen Problemen wie wir zu kämpfen haben. Spieler wie Thomas Greiss, Konrad Abeltshauser, Tobias Rieder, Leon Draisaitl, Frederik Tiffels und Tom Kühnhackl sprechen dafür, dass im deutschen Eishockey viel richtig gemacht wird."

Was wünscht Du Dir persönlich für die neue Saison?
„Dass wir die Playoffs erreichen.“