Routinier im Tor

Freitag, 14. Juli 2017

Urlaub in Kroatien. Dimitri Pätzold freut sich auf die neue Saison.

Dimitri Pätzold kennt die Deutsche Eishockey Liga wie seine eigene Westentasche. Der mittlerweile 34-jährige geht 2017/2018 bereits in seine dritte Saison am Pulverturm und kann es kaum mehr erwarten, bis das Team wieder komplett versammelt ist, um die Vorbereitung in Angriff zu nehmen.

Im Interview plaudert der Linksfänger über Gott und die Welt und geht dabei insbesondere darauf ein, wie sich das Torwartspiel im Laufe der Jahre entwickelt hat.

Dimitri, Du wurdest 1983 in
Ust-Kamenogorsk (Kasachstan) geboren. Wie hat es sich zugetragen, dass Du nach Deutschland gekommen bist?
„Meine Eltern haben sich dazu entschlossen, 1995 nach Deutschland umzuziehen. Da die Seite meines Vaters Deutsch ist, war dies möglich.“

Welche Erinnerungen oder gegenwärtige Gedanken verbindest Du mit Deinem Geburtsland?

„Es war einerseits eine harte Zeit, andererseits eine glückliche. Wir hatten zwar materiell gesehen nicht viel, dafür konnte ich meine Lieblingsbeschäftigung Eishockey so oft ausüben wie man es sich nur vorstellen kann und hatte super Freunde.“

Wer noch nie vor Ort war, darf sich Kasachstan wie folgt vorstellen…

„Ich selbst war eine Ewigkeit nicht mehr dort, aber meine Mutter erzählte mir, wie sehr sich das Land in den letzten 5 - 10 Jahren verändert hat. Dass die Städte sehr modern geworden sind und sehr viele Investoren aus dem Ausland vor Ort sind. Die Landschaft im Norden ist bergig und im Süden sind tausende Kilometer flache Steppe. Insgesamt ist das Land sehr groß, circa dreimal so groß wie Deutschland.“

Während der Saison 2000/2001 hattest Du einige Einsätze für das „German Team“ der Erding Jets. Dieses Projekt mit ausschließlich deutschen Spielern ist leider gescheitert. Wie siehst Du diese Zeit rückblickend?

„Ich war damals erst 17 Jahre alt und es hat sich eine super Gelegenheit für mich ergeben, in der 2. Liga zu spielen. Mein erstes Spiel war ironischerweise gegen Straubing und wir haben gewonnen. Die Jets waren in finanziellen Schwierigkeiten. Für die Spieler war es keine schöne Situation, ich durfte direkt den bitteren Beigeschmack des Profisports schmecken. Absolut positiv war jedoch, dass ich in dieser Zeit meine zukünftige Frau kennengelernt habe.“

Es folgten intensive Jahre in den Organisationen der Kölner Haie und Adler Mannheim. Welche Erinnerungen sind für Dich damit verbunden?

„In Köln habe ich meine gesamte Nachwuchszeit in Deutschland verbracht, es war eine aufregende und turbulente Zeit. Um in Köln überhaupt spielen zu können, musste ich mit 12 Jahren in eine Gastfamilie. Als wir nach Deutschland kamen waren unsere Verwandten in Bielefeld, es gab aber keinen vernünftigen Eishockey Club in der Nähe. Der damalige Co-Trainer der Haie, Bernd Haake, hat uns damals sehr geholfen.

Generell ging es drunter und drüber bei mir. Kulturschock, Sprachbarriere und Heimweh, alles ist zusammengekommen. Ich ging zu Schule, lernte schnell deutsch, spielte Eishockey und ab und zu besuchte ich mit dem Zug meine Eltern und meine Schwester. Mit 17 erhielt ich meinen ersten Profi-Vertrag. Nach einer kurzen Leihe zu den Erding Jets wurde ich zurück nach Köln geholt. Im darauf folgenden Jahr wurden wir mit den Haien Deutscher Meister. Danach wechselte ich nach Mannheim.“

Dann hast Du Dein Glück in Nordamerika gesucht…

„Es war eine gute Entscheidung, mit 20 nach Nordamerika zu gehen. Ich durfte mich in San José in einer super Organisation mit tollen Trainern und Spielern weiterentwickeln. Natürlich waren eine neue Kultur und jede Menge interessante Leute eine weitere, schöne Erfahrung.“

Bist Du rückblickend enttäuscht, dass es nicht mit einem langfristigen NHL-Engagement geklappt hat?

„Natürlich würde ich auch gerne heute dort spielen, aber es hat nicht gereicht. Es gehört auch ein bisschen Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“

In Deiner Vita findet sich auch ein KHL-Einsatz. Warum bist Du nur einmal für Vityaz Chekhov aufgelaufen?

„Der Deal mit Chekhov war, dass ich mit der russischen Staatsbürgerschaft ausgestattet werde. Das gelang jedoch nicht.“

Über die Stationen Hannover Scorpions (08/09) und ERC Ingolstadt (09/10) bist Du schließlich 2010/2011 erstmalig in Straubing gelandet. Bitte berichte uns von Deiner ersten Tigers-Visite.

„Wir verfehlten damals haarscharf die Playoffs und waren bitter enttäuscht. Die Fans waren trotzdem dankbar für den Einsatz der Mannschaft. Ein paar Jahre später gab es den großen Playoff Run für die Tigers. Diese Atmosphäre will ich gerne in Straubing selbst erleben.“

Nach zwei Jahren in Hannover und deren drei in Schwenningen bist Du 2016 wieder in den Gäuboden zurückgekehrt. Was hat sich während Deiner „Abwesenheit“ alles verändert?

„Das Personal natürlich, aber auch die Strukturen der Organisation. Alles ist professioneller geworden.“

Wie hat sich das Torwartspiel in den letzten Jahren verändert?

„Das Torwartspiel verändert sich rasant. Einerseits macht die Ausrüstung es möglich, andererseits die Größe und die Athletik der Goalies sowie neue Taktiken. Was ich noch 2010 angewendet habe, wende ich 2017 selten bis gar nicht mehr an.“

Wie darf sich ein Laie die verschiedenen Stile „Butterfly“, „Stand-Up“ usw. vorstellen?

„Es gibt mittlerweile entweder Hybrid oder Butterfly-Torhüter. Stand-Up-Goalies gehören zu den Dinosauriern (lacht) und kommen heutzutage fast nicht mehr vor. Butterfly ist ein Stil, bei dem man mit gutem Stellungsspiel auf die Knie geht und meistens den Puck blockt. Ein gutes Beispiel ist Danny aus den Birken. Hybrid ist ein Mix aus allem, Athletik, Reaktion und guten läuferischen Fähigkeiten. Hier fällt mir Dennis Endras als Beispiel ein.“

Wo bist Du einzuordnen?

„Ich gehöre zu den Dinos (lacht). Nein, im Ernst, ich bin ein Hybrid-Torhüter.“

Worauf sollten ein junger Spieler bzw. die Eltern achten, wenn eine Profikarriere angestrebt wird?

„Selbstverständlich auf die Schule (lacht). Nicht verkehrt ist eine Vertrauensperson zu haben, die im Profi-Eishockey Erfahrung hat.“

Wie verbringst Du den Sommer?

„Ich bin mit den Kindern oft am Weiher, unternehme Radausflüge mit der Familie und spiele Tennis. Vormittags trainiere ich.“

Worauf freust Du Dich im Vorfeld der neuen Spielzeit besonders?

„Auf die Auswärtsfahrt nach Bremerhaven (lacht). Nein, auf die Jungs und auf das, was ich am besten kann: Eishockeyspielen.“

Steckbrief:


Geburtsdatum: 03.02.1983

Größe/Gewicht: 1,83 Meter und 86 kg

Familienstand: Verheiratet, 2 Kinder.

Bisherige Klubs: Torpedo Ust-Kamenogorsk (Nachwuchs); Kölner EC (Stammverein); Kölner Haie (DEL); Erding Jets (2. Bundesliga); EV Duisburg (2. Bundesliga); Adler Mannheim (DEL); Cleveland Barons (AHL); Johnston Chiefs (ECHL); Worcester Sharks (AHL); Fresno Falcons (ECHL); San Jose Sharks (NHL); Vityaz Chekhov (KHL); Hannover Scorpions (DEL); ERC Ingolstadt (DEL); Straubing Tigers (DEL); Schwenninger Wild Wings (DEL) und seit 2016 erneut Straubing Tigers (DEL).