Im Dialog mit den Fans - Fanvertretertreffen am 09.11.

Dienstag, 14. November 2017

Foto: City-Press.

Offenheit, Transparenz, Ehrlichkeit und auch die Fähigkeit, Kritik einzustecken und selbstkritisch zu agieren. Im Dialog mit Vertretern der einzelnen Fanclubs zeigte die Führung der Straubing Tigers um Geschäftsführerin Gaby Sennebogen, Manager Jason Dunham und Vertretern der Gesellschafter vergangene Woche Nähe zur zahlenden Kundschaft. Aber nicht nur das: die anwesenden Fanvertreter bekamen einen hautnahen und erstaunlich schonungslosen Einblick in den Alltag und auch die Probleme des kleinsten Clubs der DEL. Der Appell am Ende, bei dem sich alle einig waren, war dann auch ein wenig als Hilferuf zu verstehen: „Wir müssen wieder mehr stolz sein, auf das, was wir haben. Wir spielen in der DEL, aber trotzdem gibt es über Straubing immer wieder dunkle Wolken“, so Jason Dunham.

Dass der Termin während der Deutschland Cup-Pause ausgerechnet mit der sportlich schwierigen Situation kollidierte, war Zufall, aber dann doch recht passend. „Es gab ja schon mehrere solcher Treffen und die sollen in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Als wir zu diesem Termin eingeladen haben, war noch nicht unbedingt absehbar, dass es sportlich so aussehen wird“, erläuterte Geschäftsführerin Gaby Sennebogen. Und schnell wurde bei der offenen Diskussionsrunde klar, was den Fanvertretern unisono sauer aufstößt. „Das Team hat durchaus Talent, aber man hat von außen den Eindruck, dass sie nicht alles geben“, war der allgemeine Tenor. Und widersprechen wollte da auch von Tigers-Seite niemand. „Es fehlen die letzten zwei, drei Prozent an Ehrgeiz und Leidenschaft. Das regt mich auch auf und zwar gewaltig“, so Dunham. "Wir haben genügend Talent, aber wir müssen uns jetzt in jedem Spiel den A..... aufreißen."

In intensiven Einzelgesprächen wurde das dem Team vor dem Trainingsstart nach drei Tagen Pause in der vergangene Woche deutlich gemacht. Zwar gab es zur grundsätzlichen Ausrichtung und Teamzusammenstellung einige Fragen, doch Einigkeit herrschte auch da größtenteils bei der Bewertung. "Jeder hätte den Kader vor Saisonbeginn so unterschrieben", meinte ein Fanvertreter und stand damit nicht alleine: "Alle dachten im Sommer, wir hätten eine richtig gute Mannschaft, alle. Es konnte keiner wissen, dass Leistungsträger plötzlich nicht mehr funktionieren", bestätigte auch Dunham , der detailliert über die Gedanken und Gründe bei der Kaderzusammenstellung sprach. Richtig interessant wurde es bei der tiefergehenden Analyse, für die sich nicht nur der Manager viel Zeit nahm. Denn natürlich wollten die Anhänger wissen, wie man das Team auf Kurs bringen kann bzw. welche Korrekturen noch möglich sind. „Du hast als Club fast kein Druckmittel. Die Ausländerlizenzen sind begrenzt, Verträge sind gültig und du kannst Spieler nicht einfach traden wie in Nordamerika“, erläuterte Dunham, womit sich die Diskussion schnell auch um grundlegende Fragen im deutschen Eishockey drehte.

Mit Zahlen untermauerten die Gesellschafter die Ausführungen, gingen auch auf den finanziellen Spagat in Straubing ein und räumten auch die Mär von so manchem Club mit vermeintlich kleinem Etat aus. „Die Spielergehälter in der Liga sind seit 2012 bis heute um 40 Prozent gestiegen. In Augsburg hat die Stadt beispielsweise dem Club mit zweistelligem Millionenaufwand das Stadion saniert mit neuem VIP-Raum, neuer Gastronomie und VIP-Logen. Und bei uns in Straubing müssen die Gesellschafter noch mit einer Unterschrift persönlich für den Videowürfel bürgen“, so Gesellschafter Christian Haller. Anschaulich auch die Beispiele von Jason Dunham. „Was Spieler wie Will Acton und Damien Fleury in Schwenningen verdienen, können wir keinem Ausländer zahlen. Wir wollen eben dauerhaft DEL spielen und kein Harakiri eingehen." Auch am Beispiel einiger deutscher Spieler, die jetzt bei der Konkurrenz spielen, wurde anhand von nackten Zahlen verdeutlicht, warum diese nicht nach Straubing gewechselt sind.

„Ein junger Deutscher kostet heute teilweise die Hälfte mehr als ein Ausländer.“ Hinzu kommt, dass die großen Clubs viele Spieler unter Vertrag nehmen und bei sich lieber auf die Tribüne setzen oder zu einem Zweitliga-Club geben, als sie zum Beispiel für ein Jahr nach Straubing auszuleihen. Auch dafür hatten die Verantwortlichen passende Beispiele mitgebracht. Gerade an diesem Punkt wurde für alle Anwesenden der Kraftakt deutlich, der DEL-Eishockey in Straubing Jahr für Jahr bedeutet. "Die Gesellschafter zahlen eine Million pro Jahr, haben den Spieleretat vor der Saison um 100.000 Euro netto erhöht, zahlen in dieser Saison zusätzlich noch eine sechsstellige Summe für den Videowürfel und in jedem Heimspiel, das weniger als 4.100 Besucher besuchen, kommt gleich noch eine fünfstellige Summe dazu", machte Unternehmer Haller deutlich. Dass die Straubing Tigers unter diesen Gegebenheiten viermal in den letzten sechs Jahren die Playoffs erreicht haben, ist schon fast erstaunlich und hob auch Jason Dunham noch einmal hervor: "Es gibt keine Entschuldigung für manche Vorstellungen in dieser Saison. Aber die Stimmung hier ist häufig sehr negativ, was die Realitäten der letzten Jahre nicht wiederspiegelt", meinte der Manager mit Blick auf die sogenannten kleinen Clubs der Liga - neben Straubing noch Krefeld, Iserlohn, Augsburg, Düsseldorf und Schwenningen (Bremerhaven spielt erst das zweite Jahr in der DEL). "Wer war von denen erfolgreicher als wir?", fragte Dunham rhetorisch in die Runde und hatte die Antwort natürlich auch gleich parat. "Keiner, lediglich Iserlohn hat genauso oft, nämlich viermal in den letzten sechs Jahren, die Playoffs erreicht. Und das, obwohl all jene Clubs mittlerweile mehr Geld zur Verfügung haben als wir."

Nicht nur wegen dieser Argumente gab es auch von Gesellschafter-Seite viel Rückendeckung für Dunham. Gesellschafter Hubert Stahl meinte: "Es ist Wahnsinn, wenn man sieht, was bei manchem Fan im Internet abgeht." Geschäftsführerin Gaby Sennebogen lobte Dunham in Bezug auf die Entwicklung von Stefan Loibl: "Jason hat ihn genau richtig gefördert und nie überfordert. Er hat ihm ausreichend Zeit gegeben, als ihn alle schon als vollwertigen DEL-Spieler sahen, hat seinen Plan verfolgt und der ging auf." Und Christian Haller ergänzte: "Man muss auch eine Lanze für Jason brechen: er ist derjenige, dem die aktuelle Situation am meisten nah geht. Die Forderung nach einer deutschen Torhüterlösung z.B. kam aus dem Gesellschafterkreis."

Und jene Frage war eine der Personalien, die natürlich auch die Fans noch brennend interessierte. "Nach dem Nürnberg-Spiel war uns allen klar, dass wir auf der Goalie-Position reagieren müssen", machte Gesellschafter Haller deutlich. "Es war in meinen Augen eine mentale Frage. Ich sehe die Torhüter nicht nur in den Spielen, sondern auch im Training. Wir mussten den Druck von Beiden nehmen", erläuterte Dunham seine Beweggründe für die Nachverpflichtung von Drew MacIntyre. "Ich hatte zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung einen NHL-erfahrenen Verteidiger an der Hand, der nach Europa wollte. Den hätten wir eigentlich anstatt eines zusätzlichen Torhüters holen wollen. Aber die Torwartsituation hat das dann verändert." Und dann kam der in der Kritik stehende Levko Koper ins Spiel, dessen Verpflichtung von den anwesenden Fanclub-Vertretern auch kritisch hinterfragt wurde. Dieser sei von Haus aus als zehnter Importspieler eingeplant gewesen, erläuterte Dunham.
Der Blick in die Zukunft - sowohl in die nahe wie auch die fernere - durfte natürlich auch nicht fehlen. "Wir haben nun noch eine Ausländerstelle frei. Aber um die zu vergeben, müssen wir einen Torhüter von der Gehaltsliste bekommen. Wenn das gelänge, könne man das freiwerdende Geld dafür einsetzen", so Gesellschafter Haller. Und Hubert Stahl erhofft sich auch ein Umdenken der Fans: "Wir haben immer davon gelebt, dass wir der Underdog der Liga sind. Die Rolle hat sich auch nicht geändert, aber die Erwartungshaltung der Zuschauer ist mittlerweile eine andere. Das entschuldigt nicht die bisherige Leistung in dieser Saison. Aber auch wenn wir immer mal die Großen ärgern können, so werden wir doch auch immer viele Spiele verlieren und ein dauerhafter Platz unter den ersten Zehn ist nicht selbstverständlich und realistisch." Etwas, das abschließend auch Jason Dunham noch einmal aufgriff: "Das Gefühl, dass wir die kleinen, unbeugsamen Gallier sind und jeder stolz ist, in der DEL zu spielen, ist verloren gegangen." Die Zukunft wird nicht leichter werden, da waren sich alle einig. Die Hoffnung auf ein neues Wir-Gefühl und mehr positive Stimmung im Umfeld nahmen aber alle mit nach Hause.

"Noch einmal: wir sind natürlich nicht glücklich über die aktuelle sportliche Situation und das ist absolut nichts Positives. Aber man muss auch einmal die Entwicklung der letzten Jahre sehen und was hier in Straubing alles entstanden ist. Dafür gibt es mir einfach zu viel negative Stimmung, denn wir werden immer ein Außenseiter in der DEL sein, der hofft, so lange wie möglich um Platz zehn spielen zu können. Auch in Zukunft." Und an der arbeiten die Straubing Tigers und Manager Jason Dunham bereits. "Bereits vor 4 Wochen wurde der Spieleretat für die kommende Saison freigegeben", so Christian Haller. Und angesichts dieser guten Nachricht fand dann ein Fan nach weiteren Diskussionen zur Zerstückelung der Spieltage, dem Ausbleiben der Gästefans aufgrund von Liveübertragungen und einhergehendem Stimmungsverlust speziell bei Derbys sowie dem fehlenden Auf- und Abstieg auch ein passendes Schlusswort: "Selbst wenn wir dieses Jahr Letzter werden, dann geht das Leben auch weiter und im nächsten Jahr greifen wir wieder neu an." Doch soweit soll es nicht kommen, nach der Deutschland-Cup-Pause beginnt für Straubing die Saison noch einmal von vorne.

Tobias Welck