Ein echter Bill

Sonntag, 04. Juni 2017

Der Vorname Bill ist die Kurzform von William, der englischen Variante von Wilhelm. In Straubing weiß man aber spätestens seit Billy Trew, dass die lange Version in der Praxis kaum Anwendung findet. Mit dem neuen Trainer Bill Stewart hat man nun also wieder einen Bill am Pulverturm. Dieser verfügt, wie auch der Publikumsliebling vergangener Tage, über „Billy-typische“ Eigenschaften wie Herzblut, Leidenschaft, Mut usw. Wie sollte es auch anders sein, denn schließlich setzt sich „William“ unter anderem aus „willio“, dem Willen beziehungsweise der Entschlossenheit zusammen.

Im Interview verrät der neue Chefcoach, wie er bei den Straubing Tigers derartige Tugenden fördern will,  gibt einen kleinen Einblick in sein Privatleben und erklärt ebenfalls, welche Erkenntnis ihn dazu bewogen hat, sich zu ändern.

Bill, die Straubing Tigers sind Dein fünfter Club in Deutschland, der Vierte in der DEL. Ist das die Chance, im Oberhaus wieder Fuß zu fassen?
„Ja, auf jeden Fall, es ist eine große Herausforderung für mich. Ich konnte in der DEL schon ein paar Erfolge feiern und daran will ich mit den Tigers anknüpfen. Im Standort steckt viel Potential, ich werde mein Bestes tun, damit dies so gut wie möglich zum Tragen kommt. In den letzten sechs Jahren in Kanada habe ich meine Spielidee bzw. mein System der neuen Regelauslegung angepasst. Das Spiel verändert sich schließlich ständig. Nun bin ich bereit.“

Die Tigers-Organisation zählt zu den kleinen Standorten in der DEL. Bist Du heiß darauf, die großen Teams wie München oder Mannheim zu ärgern?
„Vordergründig ist, vorhandenes Potential so gut es geht zu nutzen. Dass dies in einen tollen Lauf münden kann, hat Augsburg in der abgelaufenen Saison bewiesen.“

Was weißt Du bereits über Deine Spieler?
„Ich habe viel Videomaterial gesichtet und spreche häufig mit Jason Dunham sowie Rob Leask. Trotzdem will ich mir vor Ort meine eigene Meinung bilden, denn der persönliche Eindruck ist immer noch der Beste. Alles Weitere wird sich dann bei der Umsetzung des Systems zeigen.“

Mit welchen Jungs hast Du bereits gesprochen?
„Das geschieht aktuell nach und nach. Mit einem Drittel der Mannschaft hatte ich schon direkten Kontakt. Wobei hier auch manche als Multiplikatoren auftreten und Informationen weiterleiten.“

Was hast Du den Spielern mit auf den Weg gegeben?
„Dass sie ein großes Augenmerk auf das Cardio-Training legen sollen, da wir ein sehr laufintensives Hockey spielen werden.“

Deine Erwartungen an das Team?
„Das Potential der kompletten Mannschaft abzurufen, die individuellen Stärken der Spieler weiter zu fördern und die Schwächen zu minimieren. Sich selbst oder den Spielern unnötigen Druck aufzubürden, bringt nichts. Ob sich der Erfolg einstellt, hängt von vielen Dingen ab. Ein großer Faktor sind Verletzungen. Hier gilt es, um gut durchzukommen, präventiv zu trainieren und auch gut zu regenerieren. Der dicht gedrängte Spielplan heuer macht dies noch wichtiger.“

Und an die Fans?
“Dem Anhang werden wir ein schnelles Tigers-Team präsentieren, das immer alles gibt. Bis zum Ende. Ich bin ein Verfechter einer positiven Arbeitseinstellung, stimmt diese nicht, kann ich ungemütlich werden. Zudem haben die Fans ein Anrecht darauf, dass ihr Team immer bedingungslosen Kampf liefert.“

2017/2018 wird ein gutes Jahr für die Straubing Tigers...
„… weil wir einen guten Forecheck spielen werden und dabei in allen drei Zonen agieren, statt nur zu reagieren. So wie sich das Spiel entwickelt hat und weiter entwickeln wird, ist dies nötig, um zu gewinnen.“

About Bill Stewart...

Beschreibe uns den ehemaligen Verteidiger Bill Stewart…
„Ach, das ist schon zu lange her (lacht). Worüber ich sprechen möchte, ist, dass  ich nicht mehr der Trainer von früher bin, so wie mich viele Leute in Erinnerung haben. Für mich zählt die Gegenwart sowie die Zukunft und hier will mit einer positiven Art Erfolg haben.“

Und Bill Stewart als Privatperson…
„Ich lebe in einer Kleinstadt mit 2.500 Einwohnern. Hier kennt und schätzt man sich. Da ich auf einer Farm aufgewachsen bin, genieße ich es, von Seen und Wäldern umgeben zu sein. In meiner Kindheit durfte ich aus erster Hand erfahren, welchen Stellenwert harte und ehrliche Arbeit hat. Diese Einstellung habe ich schnell verinnerlicht und erwarte deshalb auch von meinen Spielern immer die richtige Arbeitseinstellung. Noch vor Jahren war ich ein getriebener Mensch, das Gefühl und auch manche Werte sind dabei zu kurz gekommen. Die Erkenntnis, dass man nur einmal lebt, hat mich dies überdenken lassen. Nun bin ich geduldiger und dankbarer geworden.“

Hast Du auch Hobbies, oder dreht sich bei Dir nur alles um Eishockey?
„Meine Leidenschaft ist das Angeln und die Holzarbeit (lacht). Ich liebe es, im Wald zu sein und Brennholz zu machen. Meine Frau, die im Übrigen Deutsche ist, besucht diverse Auktionen und erwirbt dort verschiedenste Dinge. Manche davon verkaufen wir dann wieder. In den kalten Monaten steht Eishockey für mich an erster Stelle, zwischen den Spielzeiten gehe ich mit Begeisterung meinen Hobbies nach und genieße das Leben.“

Während Deiner NHL-Karriere hast Du 260-Hauptrunden- und 13-Playoffspiele absolviert. Was ist rückblickend Dein damaliges Highlight?
„Während meiner 20-jährigen Karriere war jeder Tag ein Highlight. Ob es nun die zehn Jahre in Nordamerika oder die zehn Jahre in Europa waren.“

Wer war der beste Spieler, mit dem Du jemals zusammengespielt hast?
„The King - Börje Salming.“

Redaktioneller Hinweis: Börje Salming aus Schweden war einer der ersten europäischen Spieler, der sich in der NHL nachhaltig durchsetzen konnte. Damit hat der „King“ ganzen Generationen von europäischen Eishockey-Cracks den Weg für eine spätere Karriere in Übersee geebnet. Börje Salming und Bill Stewart haben bei den ruhmreichen Toronto Maple Leafs zusammengespielt.

Dein bester Gegenspieler?
„Wayne Gretzky und Bobby Orr.“

Und der beste Trainer?
„Scotty Bowman.“

1986, nach Deiner NHL- und AHL-Zeit, bist Du nach Italien gewechselt. Wie hat sich das zugetragen?
„Ursprünglich wollte ich nur zwei Wochen nach Italien, habe aber dann 10 Jahre dort gespielt. Eine schöne Zeit, an die ich mich gerne erinnere.“

Nordamerika und Europa sind ja sehr verschieden…
"Ja, das hat mit der europäischen Kultur zu tun. Sie ist auf eine andere Art und Weise gut. In Nordamerika muss man sich stets aufs Neue beweisen. Was man in Europa selbstverständlich auch muss, aber hier fühlt es sich anders an.“

Am 6. Oktober wirst Du 60 Jahre jung. Wird Dein Geburtstag in Straubing groß gefeiert?
„Der 06.10. ist ein Freitag und zugleich ein Spieltag. Deshalb wird es für mich ein gewöhnlicher Arbeitstag sein. Da ich viel gelassener geworden bin, schaue ich einfach, was passiert und mache mich nicht verrückt.“

Steckbrief: 

Geburtsdatum: 06.10.1957

Geburtsort: Toronto

Familienstand: verheiratet

Stationen als Spieler:
Dixie Beehives (OHA-B); Kitchener Rangers (OMJHL); St. Catharines Black Hawks (OMJHL); Niagara Falls Flyers (OMJHL); Buffalo Sabres (NHL); Hershey Bears (AHL); Rochester Americans (AHL); St. Louis Blues (NHL); Salt Lake Golden Eagles (CHL); Toronto Maple Leafs (NHL); St. Catharines Saints (AHL); Minnesota North Stars (NHL); Springfield Indians (AHL); Bruneck (1. Liga Italien); Mailand (1. und 2. Liga Italien); Gherdëina (1. Liga Italien) und Courmaosta (1. Liga Italien / Alpenliga).

Trainerstationen:
Muskegon Fury (CoHL); Oshawa Generals (OHL); Saint John Flames (OHL); New York Islanders (NHL); Barrie Colts (OHL); Adler Mannheim (DEL); Krefeld Pinguine (DEL); Lausanne HC (NLA); Graz 99ers (EBEL); EHC Linz (EBEL); Hamburg Freezers (DEL); Kölner Haie (DEL); Guelph Storm (OHL) und Dresdner Eislöwen (DEL2).