


Sozial verträglich und sogar vererbbar: Die Tigers stellen ihr neues Dauerkarten- und Preissystem vor
Es gibt in Kiel eine Geschichte, wie der dortige Handballclub THW eine Gewerbeansiedlung möglich machte. Außer Grundstück und anderen Dingen, die es da braucht, hatte ein Investor zwei weitere Forderungen: Einen Liegeplatz für seine Jacht und zwei THW-Dauerkarten, die in Kiel tatsächlich vererbt werden von Generation auf Generation, denn THW-Spiele sind ausverkauft seit 1978, und die 9500 Dauerkarten sind ein rares Gut. „Mit dem Jachthafen“, verriet der damalige THW-Manager Uwe Schwenker einmal dem Journalisten Helge Buttkereit, „hatte ich nichts zu tun“, wohl aber mit den Dauerkarten: Der Investor siedelte an.
„In Kiel kommt das vor“, bestätigt uns Buttkereit. Von solcher Bedeutung ist der hiesige Eishockeyclub noch ein Stück weit entfernt, doch ein bisschen rückt er heran: Dauerkarten der Straubing Tigers gibt’s ab der neuen Saison im Abonnement. Damit gilt ein Dauerticket, so wie ein Zeitungsabonnement, bis auf Widerruf, und es kann übertragen werden auf Angehörige. Wer will, kann seine Dauerkarte sogar vererben, den Fansong „Blau und Weiß ein Leben lang“ kann damit jeder, der mag, ab sofort wörtlich nehmen.
Straubing ist der erste Eishockeyclub Deutschlands, der diesen Weg geht. Der Club geht davon aus, dass das neue System bei den Fans auf große Resonanz stößt. Das jährliche Anstehen zur Registrierung entfällt ab dem nächsten Jahr; nur noch vor dieser Saison werden sich Käufer registrieren lassen müssen, dann ist der Platz garantiert bis zur Kündigung. Der Club versteht das als Service, den man bisher nur von großen Fußballclubs kennt. „Ein Weg, der für die Zuschauer bequem ist“, sagt Verleger Prof. Dr. Martin Balle, dessen Zeitungsgruppe die Abonnementverwaltung übernimmt, „ein sehr, sehr guter Weg.“ Und ein weiteres Signal, dass der Club langfristig nach oben will.
Sennebogen: „Wir sind da Vorreiter“
„Immer, wenn man sagt, man kann etwas abonnieren, zeigt das, dass eine langfristige Strategie dahintersteht“, erklärt Balle. Zu einem „symbolischen Preis“ werde der Verlag die Verwaltung übernehmen: „Die Tatsache, dass das Straubinger Eishockey jetzt über eine Abonnementverwaltung funktioniert, zeigt, wie nachhaltig hier gearbeitet wird“, sagt Balle, „Abonnement geht nur da, wo Unternehmen über Jahre Leistungen planen. Dass so ein Plan überhaupt ins Auge gefasst wird, zeigt, welche Qualität das kleine Straubing sich zutraut.“ Heuer müssen Interessenten noch einmal in der Fangaststätte zum Vorverkauf persönlich erscheinen, an einem Tag zwischen 12. Juni und 6. Juli, Mittwoch bis Samstag. Es wird das letzte Mal sein. Ab nächstem Jahr läuft es so: Bis zum 1. Mai werden die Saisonpreise bekannt gegeben. Wer sein Ticket behalten will, muss gar nichts unternehmen, und wer auf seine Dauerkarte verzichten will, kann kündigen. Stichtag dafür wird jedes Jahr der 15. Mai sein. „Ein einfaches Kündigungsschreiben mit Unterschrift reicht“, betont Anwalt Rainer Kossa, der die rechtlichen Grundlagen für das Abonnement erarbeitet hat. Geschäftsführerin Gabi Sennebogen glaubt, dass dieses Modell künftig viele Clubs wählen werden: „Wir sind da Vorreiter.“ Der Club hofft nicht nur, den Fans damit entgegenzukommen. Auch er selbst erhält Planungssicherheit. Er weiß künftig bereits Mitte Mai, womit er kalkulieren kann.
„Der Großteil der Mannschaft steht im Mai ja bereits“, argumentiert Tigers-Gesellschafter Thomas Engl, „die Fans können die Qualität bereits in etwa abschätzen. Auf welchem Niveau dann die noch offenen Restpositionen besetzt werden, entscheidet dann die Kombination aus Dauerkarten- und Sponsorenentwicklung.“
Preispolitik: „Wir glauben, das ist sozial“
Zugleich mit dem neuen System geben die Tigers die Preisgestaltung für die kommende Saison bekannt. „Wir glauben, dass wir ein sehr sozialverträgliches Modell dafür gefunden haben“, sagt Gabi Sennebogen. Stehplatz-Dauerkarten für Stammzuschauer bleiben unverändert. Sie sind damit weiter mit die günstigsten in der Liga, ähnlich günstige Preise bieten nur Düsseldorf und Iserlohn an. Tagestickets allerdings werden um einen Euro verteuert. Der Preisvorteil für Dauerkarten wird damit größer, sie rechnen sich bereits ab 16 von 26 Liga-Spielen.
„Dem Zuschauer, der nur acht oder zehnmal pro Saison kommt, dürfte ein Euro mehr pro Spiel zumutbar sein“, sagt Engl. Die gemeinhin als finanzstärker geltenden Sitzplatz-Zuschauer werden etwas stärker belastet. Tagestickets steigen um zwei Euro, Sitzplatz-Dauerkarten werden indirekt teurer. Sie werden künftig nur noch zum Normalpreis angeboten, der günstige Sonderpreis im Rahmen der Vorverkaufsaktion entfällt. Bei Sitzplätzen gehören die Tigers damit zu den teuersten der Liga. Straubing hat mit Abstand die wenigsten Sitzplätze der Liga. Selbst Augsburg, bislang hier ähnlich schwach, wird nach seinem Stadionumbau mit über 3000 doppelt so viele wie Straubing haben. Knappes Gut, hohe Nachfrage, höherer Preis: Marktwirtschaft eben. Im VIP-Bereich fällt die Ohne Playoff-Version für 3600 Euro weg. VIP-Dauerkarten gibt es künftig nur noch in der Playoff-inclusive Version, ihr Preis bleibt mit 4300 Euro allerdings identisch mit der VIP-Playoff-Version der vergangenen Spielzeit.
Spielermarkt mit steigenden Preisen
Die Tigers haben verfolgt, welche Schwierigkeiten die Berliner Eisbären im Frühling mit ihrer geplanten Erhöhung hatten. Dort hatte Manager Billy Flynn kurz vor dem siebten Titel erklärt: „Wir waren sechsmal Deutscher Meister. Das hat sportlich Sinn gemacht, wirtschaftlich aber nicht. Es ist Zeit, einen Schritt zu machen.“ Berlins jährliches Defizit liegt bei rund zwei Millionen, der Club hatte Erhöhungen bis zu 40 Prozent durchsetzen wollen. Damit hatte er sich massive Fanproteste eingehandelt, letztlich kamen Erhöhungen zwischen 11 und 15 Prozent heraus.
Die Tigers wollen deshalb ihre Preispolitik so nachvollziehbar wie möglich machen. Im Sitzplatzbereich liegt die Steigerung bei etwa fünf Prozent. „Faktisch wirkt sich das so aus, dass ein Sitzplatz gut dreimal so viel wie ein Stehplatz kostet und ein VIP-Ticket gut dreimal so viel wie ein Sitzplatz“, rechnet Engl, „wir glauben, dass dieses System fair und sozial ausgewogen ist.“ Berlin reagiert mit der Preiserhöhung auch auf aktuelle Entwicklungen. Künftig braucht jeder Club einen deutschen Spieler mehr als bisher, denn das Ausländerkontingent wird um eine Position reduziert. Deutsche Spieler mit DEL Niveau sind deshalb begehrt wie lange nicht,und der Markt reagierte sofort. Praktisch über Nacht wurden deutsche Spieler teurer. Berlin hat bisher die besten Deutschen, „die wollen wir unbedingt halten“, sagt Flynn. Für die absolute Spitze werden in den Topclubs Köln, Berlin und Mannheim inzwischen Gehälter bis zu 300000 Euro und mehr bezahlt. Das gestiegene Preisniveau wirkt sich auch auf die obere Mittelklasse aus, die für Straubing infrage kommt.
Der Druck auf die Clubs steigt
Weil der Kampf um gute deutsche Spieler härter wird, geht der Trend inzwischen überall zu Mehrjahresverträgen. Vor wenigen Jahren noch waren Einjahresverträge die Regel. Inzwischen bindet jeder, der kann, Spieler langfristig. Straubings Neuzugang Tobias Wörle ist wie auch die langjährigen Leistungsträger Florian Ondruschka und Sebastian Osterloh mit einem Drei-Jahres Vertrag ausgestattet. In vielen Clubs sind die Verträge gestaffelt: Im ersten Jahr eine Summe x, im zweiten Jahr ein paar Tausend Euro mehr, im dritten Jahr noch einmal ein paar Tausend mehr. Die Zahlungen werden in die Zukunft verschoben. Je mehr Clubs diesen Weg gehen, desto weniger kann sich ein Club davon ausnehmen. Die Spieleragenten spielen diese Entwicklung geschickt für ihre Klienten aus. Für die Clubs birgt das ein gewisses Risiko. Das bringt sie unter Druck, so früh wie möglich Planungssicherheit zu bekommen. Mit dem neuen Dauerkartensystem ist das für Straubing leichter möglich als bisher.
Gleichzeitig sind die Preise der ausländischen Spieler trotz verringerter Ausländerplätze eher steigend als fallend. Grund dafür ist der internationale Markt. In der AHL, der zweitwichtigsten Profiliga Nordamerikas, wurde die Gehalts-Obergrenze aufgehoben. AHL-Clubs können damit mehr Geld bieten als bisher. Nordamerikanische Topspieler haben weniger Grund, für Geld nach Europa zu wechseln. Wenn doch, muss es nicht unbedingt Deutschland sein. Die schwedische Elitserien öffnet sich jetzt für ausländische Spieler. Bisher waren dort nur zwei Nicht-EUSpieler pro Club erlaubt. Künftig kann jeder Club so viele holen, wie er will.
Club rechnet mit Zuwachsraten
Ein weiterer Faktor: Die Beiträge zur Berufsgenossenschaft steigen weiter. In der vergangenen Saison hatten die Tigers rund 800000 Euro über Dauerkarten eingenommen. Rund 55 Prozent davon gingen an die Berufsgenossenschaft, die Unfallpflichtversicherung für die Spieler. Im ersten DEL-Jahr hatten die Tigers noch 133000 Euro überwiesen, in der vergangenen Saison waren es 443000 Euro. Die Steigerung geht weiter, in den nächsten vier Jahren werden es jeweils fünf Prozent mehr sein. „Damit wissen wir jetzt schon“, sagt Geschäftsführerin Gabi Sennebogen, „dass der Beitrag in vier Jahren bei mindestens 550000 Euro liegt.“
Mit mehr als 2500 Dauerkarten haben die Tigers vergangene Saison eine neue Club-Bestmarke aufgestellt, in der kommenden Saison soll die 3000er-Marke fallen. „Ich rechne mit 3000 plus x“, sagt Thomas Engl, und für die Jahre darauf rechnet der Club mit weiteren Zuwachsraten. Geschäftsführerin Sennebogen gibt schon jetzt vorsorglich bekannt, dass das Angebot immer „auf 5000 begrenzt“ bleiben werde, und das wäre dann mindestens so beeindruckend wie Kiel. Ob sich das je auf Gewerbeansiedlungen auswirkt, wird man sehen. Nur für den Jachthafen wird es nie reichen; dazu fehlt es leider an ein bisschen Meer.

